Pride: "Ein Jahr in Berlin"

Im Kontext des diesjährigen Pride Month möchte ich ein paar ergänzende Worte zu meiner Novelle “Ein Jahr in Berlin” - ein nicht ganz unschwuler Text - sagen. In der in Luxemburg veröffentlichten Novelle trifft man auf einen jungen Absolventen, der in Berlin die Memoiren seiner Tante, einer gefeierten Galeristin aus Mitte, fertig stellen soll. Er trifft auf Greg und indem er ihm sein Herz öffnet, werden Fragen zu Liebe, Sich-selbst-Finden, Depression und dem Verschwinden in und aus der Großstadt aufgeworfen.


In Berlin ging es mir ganz hervorragend, allermeistens. Die Metropole und seine Einwohner konnten mich allerdings auch sehr tief verletzen, mental wie auch körperlich. Ich war unter ganz vielen Gleichaltrigen, wir dachten ähnlich, waren einander erfrischend verschieden und kamen aus allen denkbaren Ecken dieser Welt. Irgendwann fand ich, dass mein Kapitel abgeschlossen war und ich sehnte mich nach etwas Gegenteiligem, einem Kontrast, der Nähe nach Atem, Schweiß, Salzwasser, einem größtmöglichem Himmel, Sturm und warm-öliger Haut. Noch bevor ich Berlin verließ, schrieb ich an dem Text, der heute “Ein Jahr in Berlin” heißt.


In “Ein Jahr in Berlin” lernt der Leser von verwundbaren Menschen, vielen zärtlichen Momenten, in denen die Nicht-Lautstärke vielleicht im Rauschen der Natur unvernommen bleibt, aber vor Intensität umso mehr strotzt. Dieses intensive Lebensgefühl, ob Tristesse oder Verlorensein, vermischt sich in einer mehrschichtigen Sprache, die mal üppig mal kahl in Erscheinung tritt. Die Journalistin Isabel Spigarelli schreibt in ihrer Buchkritik, dass der Protagonist nur schwer fassbar sei, was teils an der “poetischen Sprache, teils an den unerwarteten Gedankensprüngen liegen mag”. Auch die intimen homoerotischen Momente zwischen dem Protagonist, Greg und Sven sieht Spigarelli als “nebelhafte Momentaufnahmen”. Erlebtes prägt, und ich bin stolz darauf, dass ich die nebelhaften Momentaufnahmen auf Papier verewigen konnte. Stolz darauf, dass sich Leser mit dem Text befassen, und ihre Zeit mit der Zeit teilen, die ich beim Verfassen der Novelle verbracht habe.



© 2020 by Romain Butti

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